Abenteuer Großstadt

„Irgendwann möchte ich mal in einer Großstadt leben!“

Als ich kurz vor dem Abitur stand, war das meine Vorstellung von der Zukunft. Ich wollte am liebsten nach Hamburg oder Berlin und etwas Aufregendes studieren. Danach mal sehen, wo es mich hin verschlägt.
Doch es kam alles anders und ich blieb noch für eine lange Zeit in meinem kleinen, beschaulichen Heimatort. Zwischendurch gab es kurz einen Abstecher in den Nachbarort, aber ansonsten veränderte sich nichts.
Eigentlich habe ich mich immer sehr wohlgefühlt. Bis die Zeit einfach reif war für Veränderungen. Ich wollte meine Vorstellungen endlich umsetzen.
„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ … oder wie heißt es so schön?!
Naja, wäre mein jetziger Mann nicht gewesen, hätte ich die Entscheidung vielleicht nicht ganz so schnell getroffen. Der Mensch ist ja schließlich ein Gewohnheitstier. Gerade auf dem Dorf! Da wird die Kündigung eines sicheren Arbeitsplatzes, um in die weit entfernte Großstadt zu gehen, schon mal etwas länger diskutiert und von allen Seiten und allen Einheimischen etwas genauer unter die Lupe genommen. Letztlich hatte ich dann aber doch den Zuspruch aller, kündigte meinen Job bei der Bank und stürzte mich in das Abenteuer Großstadt München. Das hätte ich allerdings auch getan, wenn mir alle davon abgeraten hätten…

Mein kleiner Heimatort liegt im sehr schönen Südharz und hat ca.1200 !!! Einwohner. Denen standen nun 1,4 Mio. Münchener (damals waren es wohl noch ein paar weniger) gegenüber.
30 Jahre Dorfleben, in denen man jeden Einwohner, jedes Haus und jedes ortsansässige Auto samt Fahrer kannte, gegen einen Neustart, bei dem man noch nicht einmal weiß, wer hinter der Tür auf der gleichen Etage wohnt. Das heiß geliebte Auto – ein kleines Statussymbol auf dem Land – fristete nun ein einsames Dasein in der Tiefgarage, da es eh keinen Parkplatz auf der Straße gab und öffentlich alles schneller und einfacher zu erreichen war. „Wie, du verkaufst Dein Auto???“, das konnte eine Freundin gar nicht glauben. Aber so war es. Ich hätte es selber auch nie für möglich gehalten.

Mit einigen Dingen musste ich erst einmal umgehen lernen. Da war zum Beispiel die Geschwindigkeit in der Stadt. Alles lief gefühlt schneller. Die Leute rannten an einem vorbei und wehe ich stand auf der Rolltreppe mal auf der falschen – der linken – Seite!!!
Dass dies, wie im Straßenverkehr die Überholspur ist, musste ich schmerzhaft erfahren. Ja, es gab tatsächlich rennende Berufstätige, die mir von hinten unsanft ihren Koffer in die Knie rammten!!! Muss das sein? Alle paar Minuten fährt doch eine U-Bahn…
Warum sind hier alle so gestresst??? Dann sah man einige Minuten später genau diese rennenden Mitfahrer scheinbar entspannt mit einem Buch in der Hand in der selben Bahn sitzen. (Heute ist es das Handy!) Warum also vorher rennen?!
Dies war ja so gar nichts für mich. Wenn ich ein Buch lese, dann möchte ich es genießen und mich dabei entspannen. Ok, wenn ich fast eine halbe Stunde mit der S-Bahn unterwegs bin, kann ich es verstehen, aber nicht für eine oder zwei Seiten in der U-Bahn.
Heute weiß ich, nicht jedes Buch ist U-Bahn geeignet. Es gibt U-Bahn Lektüre und Genießer Lektüre. Dazu aber in einem späteren Blog mehr.

Leider muss ich gestehen, dass es nicht lange gedauert hat, und ich hatte mich an diese Geschwindigkeit gewöhnt. Ohne es zu merken, passt man sich an. Erst beim ersten Besuch aus der Heimat und der dazugehörigen Stadtrundführung wurde es mir dann bewusst. Heute versuche ich, immer wieder darauf zu achten. Aber mit Kindern ist es in der Stadt sowieso nicht möglich, sich zu beeilen. Da gibt es einfach viel zu viel zu entdecken.

Über diese Entschleunigung bin ich heute sehr dankbar. Denn länger als fünf Jahre hätte ich diesen Stress und das Tempo nicht durchgehalten.
Nach kurzer Zeit gelang es mir dann auch wenigstens zwei weitere Bewohner des Mehrfamilienhauses, in dem wir wohnten, kennen zu lernen. Was heißt kennen lernen…?
Ich wusste wie sie heißen und sie nahmen für mich manchmal die Pakete an.

Alles in allem war ich vom ersten Tag an begeistert von dieser wunderschönen Stadt. Schnell hatte ich mich eingelebt und fühlte mich sehr wohl. Bis heute habe ich die damalige Entscheidung nicht bereut.
Trotzdem genieße ich jeden Heimaturlaub und freue mich darüber, dass sich viele Dinge dort einfach nicht geändert haben. Denn die gehören einfach genau dort hin und machen meine alte Heimat zu dem was sie ist!

Sicherlich werde ich noch einige Blogs über die kleinen und großen Unterschiede (ob positiv oder negativ) zwischen meinen beiden Heimatorten schreiben.

Stadtleben versus Landleben – da gibt es einiges zu erzählen.

 

Liebe Grüße

Eure frau_fietje 🙂

 

 

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